Wofür steht der Begriff S-Bahn?
Irgendwie finde ich den Begriff S-Bahn irreführend. Sie ist weder zum Verzehr geeignet, noch gibt es drinnen was zum Essen.
Das ist auch gut so, denn es ist nicht besonders schön, wenn einem der Sitznachbar seine Stulle mit der Bemerkung: »Halten Sie das mal bitte, aber nicht abbeißen!« in die Hand drückt, nur um anschließend seinen stark riechenden Apfelsaft oder etwas ähnliches, aus einer Tüte in die Umgebung zu verteilen.
Nein, eine Ess-Bahn ist sie nicht.
Schnell Bahn?
Wäre möglich, sie ist zwar recht langsam, aber wenn man sich auf die S-Bahn verlässt, ist man schnell der Gelackmeierte. Von 10 Tagen, an denen man die S-Bahn benutzt, sind 8 mit Störungen irgendwelcher Art versehen.
Daher bedeutet S-Bahn wohl eher Störungs-Bahn.
Die Störungs-Bahn
Aus aktuellem Anlass hier ein Beispiel warum S-Bahn, Störungs-Bahn bedeutet:
Vorgestern in der Früh ist in München die S-Bahn nach Weßling ausgefallen. Einfach so. Ein kurzes lapidares Plärren aus dem Lautsprecher: »Sehr verehrte Fahrgäste, die S5 um 6:59 nach Wessling fällt aus« und das war's. Nix, wie es weitergeht!
Die Fahrgäste kennen das erstens und zweitens auch den Fahrplan. Dieser wurde zwar soeben als obsolete erklärt, aber die Münchner sind es ja gewöhnt, dass die Münchner Störungs-Bahn mehr oder weniger nach Belieben fährt und der Fahrplan nur die ungefähren Abfahrtszeiten angibt.
Doof wäre es gewesen, wenn ich dadurch in Gilching-Argelsried den Bus verpasst hätte. Dann wäre mir nur die Wahl geblieben: eine Stunde auf den nächsten Bus zu warten oder die zweieinhalb Kilometer zu Fuß zu gehen. Denn man hat es weder geschafft für die DLR (die S-Bahn fährt am Gelände vorbei) eine Haltestelle einzurichten, noch gibt es eine sinnhafte, praktikable Busverbindung dorthin. Tausend potentielle Fahrgäste scheinen für den MVV uninteressant zu sein.
Und gestern auf dem Rückweg:
Die S-Bahn ist ein Witz! Wir standen da unvermittelt am Leuchtenbergring. Man hatte uns einfach aus dem S-Bahnzug geschmissen.
Angeblich war wieder mal das Stellwerk in Riem ausgefallen. Keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Viele griffen zum Handy und erklärten ihre kommende Verspätung. Andere regelten ihre Abholung durch Freunde und Bekannte.
Aber gegenüber früheren Störungen war schon ein Fortschritt zu verzeichnen ... immerhin war die Ansage aus dem Lautsprecher akustisch verständlich.
Die Ansage spracht von "unbestimmter" Zeit für die Störung. Also einen der "armen" Bahnarbeiter, erkenntlich an den Warnwesten, gegriffen: »Wie geht es weiter? Wann kommt der Bus?«
»Ich nix wissen.«
Das »andere Baustelle« fügte ich im Kopf selbst hinzu und habe den nächsten Warnwestenträger heimgesucht: »Können Sie uns sagen, wann oder wie es weitergeht?«
Und in eben so gebrochenem Deutsch die Antwort: »Nix wissen, aber da kommt die S2«
Stimmt, die nächste S2 fuhr gerade ein und kippte eine weitere Ladung Fahrgäste auf den Bahnsteig aus!
»Erfrieren werden wir hier nicht,« kommentierte ein in der Nähe stehender anderer Fahrgast, »langsam wird's hier nämlich kuschlig.« Und an den Warnwestenmann gewandt: »Können sie nicht wenigsten dem Lautsprechermenschen eine andere Durchsage abringen? Die unbestimmte Zeit ist ja nun wirklich mehr als unbefriedigend.«
Alle Achtung, war der noch freundlich. Ich hielt mich zurück, wäre sonst bestimmt explodiert.
In der Zwischenzeit konvertierte schon die nächste S2 ihre Fahrgäste zu Standgästen. »Diese S-Bahn endet hier. Wegen einer Stellwerksstörung ist die Strecke auf unbestimmte Zeit gesperrt!« und wieder eine Ergänzung in meinem Kopf: »Wie sie ihr Fahrziel erreichen ist uns scheißegal«
Dann endlich, die erlösende Ansage: »Fahrgäste nach Erding, bitte benutzen sie die S4 bis Trudering, von dort gibt es einen Schienenersatzverkehr.«
Wenn man uns dies 30 Minuten früher bekannt gegeben hätte, hätte man auch eine der vier oder fünf in der Zwischenzeit durchgefahrenen S4en vorher benutzen können. So versuchten natürlich hunderte von Standgästen sich mit der nächsten S4 selbst wieder zu Fahrgästen zu machen. Was jedoch nicht so einfach war, da diese S4 schon zuvor reichlich gefüllt und somit wenig aufnahmefähig war.
In Tokio gibt es Schieber, die dezent aber kräftig die Lichtschranken in den Türen räumen, damit dieselben sich schließen lassen ... wie lange diese Abfahrt in Ermangelung von kompetentem Personal gedauert hat? Im Gedränge der S4 kam es mir natürlich ewig vor.
Aussteigen in Trudering war ebenso beschwerlich. Ein überfüllter Bahnsteig und keine Ansage wohin man gehen sollte. Aber in der Menschenmenge gab es eh nur eine Richtung. Mit dem Schwarm schwimmen!
Aha, so sieht also der Truderinger Busbahnhof aus. Den sehe ich sonst nie. Aber wo bitte ist der Schienenersatzverkehr? Um diese Menschenmasse wegzuschaffen, hätte es mindesten zehn große Busse gebraucht.
Aber statt der erwarteten Busse spuckte die nächste S4 wieder eine zusätzliche Menge erwartungsvoller Fahr-Stand-Gäste auf den Busbahnhof.
Und immer wenn einer der Linienbusse ankam, rannte ein Teil der Menge zur Türe, nur um anschließend wieder frustriert zurückzukehren.
Ich vermutete, sie hatten per Lautsprecher auch nur die Fahrgäste nach Trudering geschickt um am Leuchtenbergring die lästigen Frager loszuwerden. Schienenersatzverkehr ... so'n Blödsinn ... in Trudering ist einfach ist mehr Platz um Leute abzustellen.
Nach einer Weile, noch immer kein Schienenersatzverkehr zu sehen, bin ich dann weiter nach Vaterstetten. Von dort fährt stündlich, 10 nach voll, die Linie 452 nach Grub und von Baldham gibt es die Linie 465 nach Poing ... nur davon sagt ein Lautsprecher nix ...
Ach, und während ich am nächsten Morgen, auf einer Bank an der Hackerbrücke sitzend diese Notizen ergänze, plärrt eine Stimme im Ossidialekt aus dem Lautsprecher »Meine Damen und Herren, die SX nach Y kommt 9 Minuten später. Wir bedanken uns für ihr Verständnis.«
Gut, mich betrifft es diesmal nicht, aber mein Verständnis bekommen die so oder so nicht. Es klingt wie Hohn, wenn sie auch noch Verständnis einfordern.
Späterkommen-Bahn wäre doch auch eine passender Name. Passend auch zu dem mittlerweile populären Trapattoni-Deutsch: »Nase voll, S-Bahn spät.«
Da fällt mir nur ein:
Vielleicht sollte man bei der S-Bahn einfach nur kompetentere Mitarbeiter einstellen ... da wären nicht nur Störungen seltener, sondern auch die Auskünfte kundengerechter.
Aber wie mein früherer Chef schon zu sagen pflegte: »if you pay peanuts, you will get monkeys«
Leider scheinen dem MVV Vorstand die eigenen Prämienauszahlungen wichtiger zu sein, als die Zufriedenheit der Fahrgäste. Kunden? Ach, das Wort schaut man bei dem MVV wahrscheinlich im Fremdwörter-Lexikon nach ...
Vielleicht sollte ich auch trotz Umweltgedanken und Benzinpreiserhöhungen wieder auf mein Auto umsteigen. Das ist zwar teurer. Ich würde jedoch pro Fahrt eine Stunde Zeit einsparen. Zwei Stunden am Tag!
Aber wo bliebe der Spaß?
Jetzt hab ich es: S-Bahn bedeutet Spaß-Bahn! Weil man damit nur so zum Spaß fahren kann ... ganz München ist ein Freizeitpark mit einer tollen Spaß-Bahn darin! Denn bei einer Spaß-Bahn ist es nur wichtig, dass sie fährt und nicht wann.
... zur Spaß-Bahn gibt es dann auch das passende Lied
Das Münchner S-Bahn Lied
Einfach zu singen auf die Melodie von: Eine Seefahrt die ist lustig
Münchens S-Bahn, die ist lustig, Münchens S-Bahn, die ist schön, denn da kann man alle die Münchner auf die Züge warten seh'n. |: Hol-la-hi, hol-la-ho, Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho. :| Und in München fährt die S-Bahn heute wieder mal zu spät, denn schon wieder mal ist eine Weiche falsch herum gedreht. |: Hol-la-hi, hol-la-ho, Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho. :| Zur Zeit fährt keine S-Bahn, ja wer hätte das gedacht, denn im Tunnel gibt's ne Störung und die wird noch weg gemacht. |: Hol-la-hi, hol-la-ho, Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho. :| Wir steh'n alle hier am Bahnsteig, kein Zug kommt, es ist verrückt, denn im neuen Riemer Stellwerk ist der falsche Knopf gedrückt. |: Hol-la-hi, hol-la-ho, Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho. :| In der einen Hand den Ausweis und dazu ein großes Maul, heute stört uns in der S-Bahn nur der Kontrolletti-Paul. |: Hol-la-hi, hol-la-ho, Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho. :| Und vom MVV der Vorstand, der fährt niemals mit der Bahn, weil er weiß, dass auf die S-Bahn man sich nicht verlassen kann. |: Hol-la-hi, hol-la-ho, Hol-la-hi-a hi-a hi-a, hol-la-ho. :|Alternativ kann man "Störung" in der dritten Strophe auch durch "Leiche" ersetzen. So klingt es aber netter.
Und wenn das nächste mal Paul oder Paula Kontrolletti vorbeikommen, werde ich meinen ganz persönlichen Stellwerksausfall haben: »Sie müssen mir schon glauben, dass ich eine gültige Fahrkarte habe. Ich kann sie aber wegen einer wichtigen Funktionsstörung leider auf unbestimmte Zeit nicht vorzeigen. Ich bedanke mich für Ihr Verständnis!«
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